Die Green Card-Lotterie

Hat man einmal eine Green Card erhalten, was dann?

In den Vereinigten Staaten leben und arbeiten- das wollen viele. Oftmals bleibt es bei einem unerfüllten Traum, denn eine Green Card ist schwer zu kriegen. Doch ein Programm macht es möglich, dass jedes Jahr mehr als 50.000 Menschen die Chance bekommen dem „Ameri- kanischen Traum“ ein Stückchen näher zu kommen: Das Diversity Visa Program oder auch „Green Card-Lotterie“ genannt ist hierfür der Schlüssel. Der amerikanische Journalist und Buchautor Dan Baum hat vor einigen Jahren einen dieser Glücklichen getroffen und berichtet, was es heißen kann um seine Zukunft „zu spielen“.

An den Stadtgrenzen Limas hatte Raúl Jaras Großvater das Land eines wohlhabenden Mannes bewirtschaftet, bis durch die Agrargesetze der 1960er Jahre sechs Morgen davon an ihn übergingen. Bis zu Raúls Geburt 1971 war Lima so weit gewachsen, dass es den Wohnsitz der Jaras umschloss und damit den von einer Mauer umgebenen Garten aus Bananen und Bougainvilleas zu einer Oase in der zunehmend chaotischen und luftverschmutzten Hauptstadt werden ließ. Raúl war ein Einzelkind und das erste Familienmitglied, das die Universität besuchte.
Sechsmal in der Woche musste er fast zwei Stunden mit einem öffentlichen Minibus fahren, um eine Oase der etwas anderen Art zu erreichen: den Campus der Päpstlich Katholischen Universität, wo er und seine Kommilitonen sich als Studenten der Ingenieurwissenschaften in die bestechende Genauigkeit der Mathematik vertieften. Da nur ein Bruchteil der peruanischen Hochschulabsolventen den erlernten Beruf auch ausüben kann, pflegen Peruaner gerne zu sagen, dass sie weltweit die bestausgebildetsten Taxifahrer haben. Raúl, heute 44 Jahre alt, ist ein Ausnahmefall. Nach dem Abschluss arbeitete er als Lehrer für computergestütztes technisches Zeichnen (CAD), später als Ingenieur in einer Goldmine, bis er schließlich von einer Gesellschaft eingestellt wurde, die in fast 4000 Metern Höhe in den peruanischen Anden eine Kupfermine betreibt.

Perus Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist niedriger als das von Namibia oder der Dominikanischen Republik, aber die anglo-australische Tintaya-Kupfermine ist zweifellos eine industriestaatliche Unternehmung. Die von Menschenhand geschaffene Schlucht des Tagebaus grenzt an eine makellose Miniaturstadt, in der es gepflegte Arbeiterhäuser mit Blumen davor gibt und Apartments inmitten von Gartenanlagen, des Weiteren eine Kapelle, ein Hotel, ein Krankenhaus, ein Fitnesscenter und Bürohäuser. Verhaltensmaßregeln werden mit der Rigorosität einer Militärakademie durchgesetzt: kein Laufen auf den Straßen, kein Überqueren abseits der Zebrastreifen, Rauchen ist untersagt und das Tragen orangefarbener Warnwesten und Schutzhelme ist überall erforderlich.
Die erzwungene Perfektion der Mine, welche sich inmitten von fast unbewohnten grasigen Hochebenen und schneebedeckten Bergen im Südosten Perus befindet, erscheint so ungewöhnlich wie die Mondlandschaft einer Science-Fiction-Erzählung. Die Ingenieure der Tintaya-Kupfermine arbeiten in Kabinen, die jeweils mit dem neuesten I.B.M.-Notebook und einem 19–Zoll LCD Bildschirm ausgestattet sind. Ihre Whiteboards sind von verwirrenden Diagrammen, Parabeln und komplizierten Gleichungen übersät.

Als Raúl bei Tintaya als geotechnischer Ingenieur anfing, musste er Bodenproben unter- suchen und den nächsten Abbruchwinkel der Grubenwand berechnen. Später analysierte er als Kalkulator die Ausgaben und war für die Entwicklung neuer Projekte zuständig. Er arbeitete zwölf Stunden am Tag, zehn Tage in Folge und verdiente 1.300 US-Dollar im Monat, fast zehnmal so viel wie der Mindestlohn. Obwohl Raúl in seinem Job zufrieden war, sehnte er sich nach einem Leben, das genauso geordnet verlief wie die Arbeit in der Mine, nach einem Land, das Bildung und Parks finanziert, Luftverschmutzung und Lärm reguliert und seine ei- genen Gesetzgeber überwacht. Als einer seiner Kollegen zum Arbeiten nach Kanada ging, hatte Raúl seinen Arbeitgeber gefragt, wie es um die Möglichkeit eines Transfers für ihn stünde. Damals sagte man ihm, dass er nicht gut genug Englisch spräche.

An einem seiner vier freien Tagen im Herbst 2002 ging Raúl mit seiner Freundin Liliana Campos, einer gertenschlanken Schönheit mit der anmutigen Nase11 ihrer Inka-Vorfahren, in der Innenstadt Limas spazieren. Lily, wie sie genannt wird, war damals 25 Jahre alt und lebte während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester bei Raúls Eltern. Ein rot-weiß-blaues Schild erregte plötzlich ihre Aufmerksamkeit: „Visa-Verlosung!“. Mit amerikanischen Flaggen dekoriert, blühten jeden Herbst die Ladenfronten der Geschäfte in Lima wie Zistrosen auf. Große Pappschilder wurden an Schaufenstern oder Kundenstoppern angebracht, die auf den Gehwegen standen und mit Girlanden in Form der amerikanischen Flagge, der Freiheitsstatue und anlockenden Slogans wie „Green Card-Lotterie!“ oder einfach „Du kannst gewinnen!“, verziert waren. Raúl und Lily hatten nie viele Gedanken an die Lotterie verschwendet, doch dieses Mal zahlten sie ein paar Dollar dafür, um Fotos von sich machen zu lassen und Hilfe beim Ausfüllen der Formu- lare zu erhalten. Wie die meisten Menschen, die an einer Lotterie teilnehmen, vergaßen auch sie diese schnell wieder.

Das Programm, das in Peru und in 176 weiteren Ländern unter der Green Card-Lotterie bekannt ist, wird offiziell als „Diversity Visa Program“ bezeichnet. Von den mehr als zweihundert Visa, die das US-Außenministerium bereitstellt, ist dieses bei Weitem das Sonderbarste. Die überwiegende Mehrheit der Einwanderungsvisa wird immer noch an Flüchtlinge oder an diejenigen vergeben, die den streng vorgeschriebenen Bedingungen gerecht werden. Zu diesen gehört es Familienangehörige in den Staaten oder besondere Fähigkeiten zu haben oder ein großes Vermögen zu besitzen.
Die einzige Voraussetzung, um in der Green Card-Lotterie gewinnen zu können ist, abgesehen von Glück, eine High School-Ausbildung oder eine zweijährige Erfahrung in einem der 353 aufgeführten Berufe, die vom Anthropologen über den Maler bis hin zum Dichter und Liedschreiber reichen. Jedes Jahr werden mehr als 50.000 solcher Diversity-Visa zur Verfügung gestellt und fast sechs Millionen Menschen hatten sich 2005 für die Lotterie, deren Fortführung ungewiss ist, angemeldet. Im Dezember

desselben Jahres verabschiedete das US-Repräsentantenhaus einen Gesetzesvorschlag bezüglich der Grenzsicherheit und Einwanderung, der auch einen Anhang zur Abschaffung der Green Card-Lotterie enthielt. Die Lotterie begann im Zeichen der Mannigfaltigkeit als Wunsch mehr weiße Menschen nach Amerika zu holen. Es war sozusagen nur ein weiterer Schritt die Korrektur zu korrigieren. Die ersten Einwanderungsgesetze des späten 19. Jahrhunderts begünstigten zu- nächst Nordeuropäer. Auf dem Höhepunkt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im Jahre 1965 änderte der Kongress diese. Von da an wurden Angehörige amerikanischer Staatsbürger oder diejenigen, die unabhängig von ihrer Herkunft über eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis verfügten, begünstigt. So kam es, dass Asiaten, Afrikaner und Lateinamerikaner anfingen in Rekordzahlen einzureisen, während die Zahlen europäischer Einwanderer stark zurückgingen.

Eine solche Verschiebung der Einwanderungsströme18 alarmierte viele Kongressmitglieder, die sich für ein Gesetz aussprachen, das in den Worten von Senator Alfonse D ́Amato, die „schmerzhaften und sogar tragischen Probleme der Iren, Deutschen, Italiener, Polen und anderer ohne direkte Familienmitglieder in den Vereinigten Staaten“ verringern würde. Daraufhin ergab sich in den frühen 1990er Jahren eine Folge kurzlebiger Visaprogramme, die geschaffen wurden um mehr europäische, vor allem aber englischsprachige Einwanderer in die Staaten zu locken.
Von 1992 bis 1994 waren 40 Prozent der Diversity Visa ausschließlich Einwanderern aus Irland vorbehalten. Als die irische Sonderregelung 1995 auslief entschied der Kongress, dass die Lotterie weltweit angeboten werden sollte mit Ausnahme der Länder, die in den Einwanderungsgruppen19 überrepräsentiert waren. Zu diesen zählten Mexiko, Kolumbien, die Dominikanische Republik, El Salvador, Haiti, Jamaika, China (Hong Kong nicht eingerechnet), Russland, Indien, Pakistan, die Philippinen, Südkorea, Vietnam, das Vereinigte Königreich (mit Ausnahme von Nordirland), Polen und Kanada. Die Lotteriegewinner qualifizieren sich unmittelbar für eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, auch als Green Card bekannt, die ihnen das Leben und Arbeiten in den Vereinigten Staaten erlaubt21 und die Möglichkeit zur Einbürgerung eröffnet. Einige Länder wie Äthiopien und Ägypten hatten in 2005 mehr als 6.000 potenzielle Gewinner. Andorra, Liechtenstein, die Koralleninsel Niue im Südpazifik und die Französischen Südsee- und Antarktisgebiete wiesen jeweils einen auf. Die Kokosinseln hatten zwei, Suriname drei und die Seychellen vier Gewinner. Was auch immer die Lotterie dazu beiträgt die Einwanderungsgruppen verschiedenartig zu gestalten, sie bleibt eine großartige Übersee-Kampagne zur Vermarktung des „Amerikanischen Traums“. Doch anders als die meisten Einwanderer haben die Lotteriegewinner oft weder Angehörige noch einen Job, der in den Staaten auf sie wartet. Viele tauchen dort auf ohne zu wissen, wo sie wohnen werden, ohne Englischkenntnisse und ohne eine Vorstellung wie sie Arbeit finden können. „Ich kenne Menschen, die sich anmeldeten, ausgewählt wurden, hierher kamen und als sie heimkehrten sagten, dass es nicht das gewesen sei, was sie erwartet hätten“, so der auf Einwanderungsrecht spezialisierte Anwalt Charles Kuck aus Atlanta. „Es macht bumm – dein Leben hat sich vollkommen verändert und du bist ganz auf dich allein gestellt.“

Als Raúl und Lily an der Lotterie teilnahmen, waren die Anmeldeformulare immer noch in Papierform erhältlich. Die Veranstalter verdienten damals nicht mehr als die Schreiber an den Straßenecken, die auf wackeligen Milchkisten Testamente und Anklageschriften für ein paar Soles auf ihren Schreibmaschinen verfassten. Seit 2003 fordert das US- Außenministerium Anmeldungen, die über das Internet eingehen und mit einem digitalen Passbild versehen sein müssen. Diese Fotos werden, um Mehrfacheintragungen aussortieren zu können, von einer Gesichtserkennungssoftware genau geprüft. Gleichzeitig können die US-Sicherheitsbehörden, wenn sie es für nötig halten, nach Terroristen und anderen Übeltätern fahnden. Einige Kritiker gaben zu Bedenken, dass sich durch diese Forderung des US- Außenministeriums die Einwanderungsgruppen ungerechterweise nur auf diejenigen beschränken würden, die einen digitalen Durchblick haben.
Doch stattdessen entstand eine neue Branche. Im März 2005 traf ich in Lima in der Nähe des Regierungsgebäudes Oscar Gomez, der in der obersten Etage eines vierstöckigen Einkaufscenters ganz allein vor einem Computer saß. „Stellen Sie sich das hier voller Menschen vor,“ sagte Gomez, als wir in den fast zwanzig Meter langen Gang traten. „Sie kommen zu mir, weil sie nicht wissen, was JPEG-Dateien sind. Sie tauchen um fünf Uhr morgens hier auf.“ Gomez verlangt für ein digitales Bild, die Unterstützung beim Ausfüllen der Formulare und das Anlegen einer Email-Adresse ungefähr fünf Dollar. Er zeigte mir hinter einem Aktenschrank das mit der amerikanischen Flagge verzierte Schild, das er während der Lotterie-Saison im Gang aufstellt und auf dem steht: „Lebe, studiere und arbeite legal in den Vereinigten Staaten!“, darunter „Agencia Autorizada- Autorisierte Agentur.“ Ich fragte Gomez, was „autorisiert“ bedeutet. Er zuckte nur verlegen mit den Schultern. Weiter wollte ich wissen, ob er jemals selbst an der Lotterie teilgenommen hatte. „Jedes Jahr!“, antwortete er darauf.

Die 75 Personen, die das Lotterie-Programm führen, sitzen in einer umgebauten Kleidungsfabrik in Williamsburg im US-Bundesstaat Kentucky und benutzen dabei einen Desktop-Computer, mit dem sie den elektronischen Anmeldungen willkürlich Zahlen zuweisen. Vom Außenministerium bekam ich allerdings keine Erlaubnis dieses Gebäude, das als Kentucky Consular Information Center bekannt ist, zu besuchen. Kein Beamter war bereit offiziell Auskunft über das Programm zu geben und keiner wagte es seine Meinung darüber zu äußern inwieweit dieses dem nationalen Interesse diene. „Fragen Sie den Kongress“, sagte einer. „Die haben das Programm geschaffen!“ Auch ein Jahrzehnt nach der Einführung bleibt das Programm umstritten. Seit 2002 hindert ein Gesetz das Außenministerium daran Besuchervisa an Personen aus Ländern auszustellen, welche als Unterstützer des Terrorismus gelten.

Die Einwanderungsvisa selbst werden aber nicht erwähnt. In 2003 kamen zwischen zwei und vier Prozent der Lotteriegewinner aus Ländern, die auf der vom US-Außenminister 1979 erstellten Liste der „Sponsoren des internationalen Terrorismus“stehen. Zu dieser Liste zählen die Länder Libyen, Kuba, der Iran, Nordkorea, Syrien und der Sudan. „Wenn Sie zur Al-Qaida gehören und jemanden in die USA einschleusen wollen, ist das der Weg“, so Robert Goodlatte, republikanischer Abgeordneter und Vertreter im US-Repräsentantenhaus des Bundesstaates Virginia. Goodlatte, der früher ebenfalls als Anwalt für Einwanderungs- recht tätig war, versuchte seit Jahren das Programm abzuschaffen. Als Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft bevorzugte er Gastarbeiterprogramme, in denen Migranten und Arbeitgeber aufeinander abgestimmt werden. Aber Goodlatte gab zu, dass er noch nicht viel erreicht hätte. Eine Abstimmung über seinen Gesetzesvorschlag zur Abschaffung der Lotterie wurde in 2004 vom Repräsentantenhaus abgelehnt. Als er im darauffolgenden Jahr mit seinem Vor- schlag wieder nur hingehalten wurde, legte Goodlatte diesen dem vom Repräsentantenhaus im Dezember 2005 verabschiedeten Einwanderungsgesetz bei. Angesichts dessen, dass der Justizausschuss des Senats zu diesem Zeitpunkt bereits mit den Anhörungen zur Nominierung von Samuel A. Alito zum Richter am Supreme Court beschäftigt war und sich ebenso mit dem Abhörprogramm der Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) auseinandersetzen musste, hätte es gut sechs Monate oder länger dauern können bis das Thema der Einwanderungsgesetze in den Mittelpunkt gerückt wäre. Goodlatte sah schließlich, anders als zwei Jahre zuvor, keinen Grund mehr das Programm einzustellen. „Wir stammen alle von Einwanderern ab, verkündete er im Frühling 2005. „Man spürt deutlich, dass wir das Land der Möglichkeiten sind, und so weiter und so fort.“

Im Juni 2003 kam bei den Jaras ein Umschlag des US-Außenministeriums an. Der Brief war auf Englisch und begann mit den Worten „Herzlichen Glückwunsch!“. Diese Nachricht war so aufreibend wie erfreulich. Obwohl Raúl und Lily noch nicht verheiratet waren, war Lily bereits im dritten Monat schwanger und somit versprach die Auswanderung viele Möglichkeiten für das Kind. Für Raúl aber war der Gedanke seine Eltern und seine Arbeit zurücklassen zu müssen die reinste Qual. Da er zudem nur über geringe Englischkenntnisse verfügte, würden die Aussichten in den Staaten zunächst begrenzt sein. Er erklärte seinem Vater, halb hoffend, dass es keine Garantie gab überhaupt ein Visum zu bekommen. Das US-Außenministerium zieht hunderttausend „Gewinner“ um dann festzustellen, dass mindestens die Hälfte von ihnen es nicht schaffen wird die Auswahlvorgaben zu erfüllen.
Zusätzlich zum Nachweis eines High School-Abschlusses oder der zweijährigen Berufserfahrung musste Raúl noch eine amtsärztliche Untersuchung bestehen und bei einem Auswahlgespräch im amerikanischen Konsulat in Lima gut abschneiden. Für seinen Vater gab es jedoch keinen Grund zur falschen Hoffnung: Wen sollten die Vereinigten Staaten nehmen, wenn nicht Raúl? Er brachte seiner Frau Elvira die Neuigkeiten bei, die daraufhin stundenlang weinte. Nach den Lotteriebestimmungen darf jeder Gewinner seinen Ehepartner und unverheirateten Kinder unter 21 Jahren mitnehmen, sodass Raúl und Lily fünf Wochen nach Erhalt des Briefes heirateten. Viele Kollegen aus der Mine freuten sich, waren aber auch ein wenig neidisch über Raúls Glück. „Wir denken alle darüber nach zu gehen,“ sagte Willmer Cancho, der mit Raúl zusammen arbeitete. „Es spielt überhaupt keine Rolle wie gut deine Stelle hier ist. Du schaffst es damit nicht die Zukunft deiner Kinder zu sichern. Du kannst sie auf die besten Schulen schicken, die besten Universitäten, aber selbst das ist keine Garantie, weil so wenige mit einem Abschluss einen Job finden, der ihrer Ausbildung entspricht. Mein Sohn ist zwei Jahre alt. Ich möchte nicht, dass er in meine Fußstapfen tritt.“

Jorge Vargas, Raúls früherer Arbeitgeber, kann dem nur zustimmen. „Meine Tochter ist vierzehn und geht hier auf eine deutsche Schule, weil ich möchte, dass sie in der Lage sein wird nach Deutschland zu gehen. Ich liebe Peru, aber ich kann ihr hier keine sichere Zukunft bieten.“ Die einzige Überlegung, die für Cancho und Vargas bleibt, ist herauszufinden wie man am Besten geht. Aber die Nachricht, dass Raúl plötzlich auswandern könnte, entsetzte Orlando Carnero, den leise sprechenden Betriebsleiter der Tintaya-Kupfermine mit den kindlichen Gesichtszügen. Nicht nur, weil er dadurch einen guten Ingenieur verlieren würde, sondern auch weil es ihm um Raúls Wohler- gehen ging.
„Ich erzählte ihm, er wird am Ende Fußböden wischen,“ sagte Carnero als ich die Mine im Frühling 2005 besuchte. „Ich dachte, es war schon ein wenig verrückt, seine Ausbildung auf diese Weise wegzuwerfen. Also sagte ich ihm, er soll losgehen und sehen ob es ihm gefällt. Ich gab ihm ein Jahr Zeit und sagte ich würde seine Stelle freihalten. Er sollte schau- en, ob es dort so viel besser ist und ob es ihm gefällt Fußböden zu wischen.“ Lily war im neunten Monat schwanger, als sie und Raúl im Dezember 2003 im US-Konsulat in Lima erschienen. Als Raúls Ehefrau musste sie ebenfalls an einem Auswahlgespräch teilnehmen. Die Bearbeitungsgebühren kosteten 450 Dollar pro Person und die medizinischen Tests beliefen sich auf jeweils 100 Dollar, alles ohne Rückerstattung, sollten sie die Auswahlgespräche nicht bestehen.
Der Beamte im Konsulat, der mit ihnen die Gespräche führte, war freundlich und schien seinen Entschluss bereits gefasst zu haben, noch bevor sie sich hingesetzt hatten. Nach fünf Stunden Wartezeit erhielten sie ihre Visa. Zwei Tage später wurde ihr Sohn Daniel geboren und im Mai 2004 machten sie sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten. Raúl sagte zu seinem Vater bevor er sich auf dem Weg zum Flughafen machte: „Ich weiß nicht, warum ich gehe.“

An einem Morgen im März 2005 traf ich Raúl um neun Uhr, vier Stunden nachdem seine Schicht im Supermarkt Turco’s Super Ranch in Yorktown Heights begonnen hatte. Dieser liegt etwa 16 Kilometer östlich von seinem Wohnort Peekskill im Bundesstaat New York entfernt. Er trug eine weiße Schürze und den zum Schiff gefalteten Papierhut, der das allgemeine Erkennungszeichen der Angestellten im Lebensmittelbereich ist. „Mein direkter Vorgesetzter weiß, dass ich Peruaner bin, er selbst ist aus Guatemala,“ erzählte Raúl, während er Brotlaibe durch eine Schneidemaschine schob.
„Aber der Filialleiter weiß nicht, was ich bin oder dass ich ausgebildet bin. Er sieht einen Lateinamerikaner. Dunkle Haut, kein Eng- lisch, eine lateinamerikanische Hilfskraft eben.“ Sein Gesicht öffnete sich zu einem strahlenden Lächeln, welches schnell einem wachsamen Ausdruck wich. Damals verdiente Raúl in der Turco’s-Bäckerei acht Dollar die Stunde, was fast seinem Stundenlohn in Peru entsprach.
Andererseits waren seine Lebenshaltungskosten in den Staaten deutlich höher als in seinem Heimatland. Gegen Mittag überquerte Raúl großflächige Parkplätze, um von der Bäckerei zum Food Emporium, der gigantischen Supermarktkette, zu kommen. Dort zog er sich einen Parka über, um die nächsten fünf Stunden damit zu verbringen in den Kühlraum zu hetzen und wieder hinaus, um Kühlregale mit Milchprodukten für 7,70 Dollar die Stunde aufzufüllen. Zu der Zeit zahlten er und Lily monatlich 900 Dollar Miete für das oberste Stockwerk eines Holzhauses in der Main Street in Peekskill. Die Wohnung hatte drei kleine Zimmer, die in einem dunklen beunruhigenden Grün, welches der Farbe einer Erbsensuppe glich, gestrichen waren. Einer von Raúls Bekannten hatte sich bereits vor 30 Jahren in Peekskill niedergelassen. Dennoch waren beide immer noch erstaunt darüber, wie viele lateinamerikanische Einwanderer dort lebten. Es ist die Hochburg der Landschaftsgärtnerei des Hudson Valleys, wo die Arbeiter jeden Tag im frühen Morgengrauen abgeholt werden, um die Gärten von Os-sining bis Poughkeepsie zu pflegen. Raúl hatte in Peekskill niemandem von seinem Lotteriegewinn erzählt. Die Ecuadorianer, Mexikaner und Venezolaner, die Raúl im La Plazita-Minimarkt traf, dachten höchstwahrscheinlich er ist, wie sie, nicht gemeldet. Er zeigte mir seine Green Card, welche er in seiner Brieftasche aufbewahrt.
Sie ist jetzt lederfarben und mit einem komplizierten Hologramm versehen, das Fälschungen verhindern soll. Raúl erzählte mir, dass sein Leben von den vielen Mexikanern in der Umgebung erschwert wurde und das nicht, weil sie unfreundlich waren, beeilte er sich zu sagen, sondern weil ihre Erwartungen andere waren. Im Gegensatz zu Raúl und Lily, die hoffen sich dauerhaft in den Staaten niederlassen zu können, wollten viele der Peekskill-Mexikaner ein paar Jahre dort arbeiten, Geld sparen und heimkehren. „Sie sind bereit drei Familien in einer Wohnung unterzubringen und täglich vierzehn Stunden zu arbeiten,“ berichtete Raúl, während wir einen Hammeleintopf in einem ecuadorianischen Restaurant, das sich in der Nähe ihrer Wohnung befand, aßen. „Und von uns, den anderen Lateinamerikanern, wird erwartet es ihnen gleichzutun.“

Lily war begeisterter von den Vereinigten Staaten. Sie genoss es unabhängig zu sein und freute sich auf den Tag, an dem ihr Sohn Daniel mit der Schule beginnen würde, sodass sie von ihrer Ausbildung zur Krankenschwester Gebrauch machen könnte. In der Zwischenzeit bummelte sie mit Daniel über die ordentlich gemähten Rasenflächen des Depew Parks oder las ihm Märchen in der Peekskill-Bibliothek vor. An Raúls freiem Tag putzten sie sich heraus, um durch den Wal-Mart oder das Jefferson Valley-Einkaufszentrum zu schlendern. Lily fand den Schnee und die Kälte des Hudson Valleys weniger lästig, als den immer unregelmäßigen Busverkehr. Sie mussten sich einen Wagen- einen Isuzu, Baujahr 1998- kaufen, dessen Unterhaltskosten ihr Streben voranzukommen zusätzlich erschwerte. „Ich kannte Leute in Peru, die in den Staaten gelebt hatten. Aber als diese nach Hause zurückkehrten, hatten sie Stolz und volle Taschen,“ sagte Lily. „Sie wollten nur sagen, wie großartig es hier ist. Sie erzählen dir nicht, wie sie angefangen haben. Sie erzählen dir nicht die Realität.“

Raúl gab zu, dass er bereits darüber nachgedacht hatte die Vereinigten Staaten aufzugeben, als er im Winter 2005 die Grippe bekam. „In Peru gehst du zum Apotheker, wenn du krank bist und der mischt etwas zusammen und gibt dir gleich eine Spritze.“ Er griff die Haut an seiner Hüfte und tat so, als würde er sich eine Spritze geben. „Hier wurde ich krank und ging in das nächstgelegene Krankenhaus. Sie sagten mir, dass ich nur Fieber hätte. Ich solle Paracetamol nehmen, Erkältungssaft und viel Wasser trinken. Sie schickten mich mit gar nichts wieder nach Hause. Ich lag hier und litt.“
Sein Wunsch nach Peru zurückzukehren verschwand mit dem Fieber. „Es ist nicht das Geld,“ sagte er. „Ich hatte ein reicheres Leben dort.“ Das Wort, das er benutzte, um zu erklären warum er Peru verlassen hatte, ist „desorden“- Chaos; die schreckliche Kombination aus Lärm, Schmutz und der Straßenkriminalität Limas, der wirtschaftlichen Instabilität und der Korruption der Regierung.
Lima hatte seinen Glauben an jede Institution außerhalb seiner Familie untergraben und das Leben unvorhersehbar gemacht. Er war in erster Linie ausgewandert um Teil einer Gesellschaft zu sein, in welcher der öffentliche Sektor respektiert wird. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war der Tausch sei- nes Jobs gegen die niederen Arbeiten in den Supermärkten schmerzlich. „ Zumindest auf kurze Zeit gesehen wird mein Leben in den Vereinigten Staaten schlechter verlaufen, als in Peru,“ meinte er damals. „Aber für die Zukunft meines Sohnes ist es besser.“ Er versuchte sich keine Sorgen um seine Patenkinder in Lima zu machen, deren Vater kämpft und kämpft, aber nicht gehen kann. Aber Raúl vermisst seine Familie. „Sollte ich zurückgehen, dann nicht für die Mine, sondern für meine Eltern.“

Im April 2005 erzählten Raúl und Lily mir, dass sie beschlossen hätten, die Frist von Orlando Carnero, in welcher Raúl seinen Job in der Mine hätte zurückbekommen können, verstreichen zu lassen. Als ich beide Ende Oktober anrief sagten sie, dass sie eine etwas günstigere Wohnung in Peekskill gefunden und angefangen hätten etwas Geld zu sparen. Raúl arbeitete immer noch in Supermärkten, aber er und Lily hatten angefangen Englisch zu lernen. Sie kümmerten sich abwechselnd um Daniel, sodass jeder von ihnen an zwei Abenden in der Woche die Möglichkeit hatte am Westchester Community College Kurse zu besuchen. „Ich weiß, dass ich hier nicht vorankommen werde, solange ich kein Englisch sprechen kann,“ erklärte Raúl.
Er machte sich keine Illusionen in den Vereinigten Staaten einen Job als Bergbauingenieur zu bekommen, hoffte aber irgendwann eine Stelle als Qualitätsprüfer in einer Fabrik zu finden. Mittlerweile wollten sie keine Miete mehr zahlen und anfangen Eigenkapital aufzubauen. Ein Freund aus San Antonio im US-Bundesstaat Texas erzählte ihnen, dass es dort jede Menge Arbeit gebe und man für weniger als 80.000 Dollar Häuser erwerben könne. Das entspricht in etwa einem Drittel dessen, was ein vergleichbares Haus in Peekskill kosten würde. „Dort wird wirklich jeder denken, dass ich Mexikaner bin,“ sagte Raúl und lachte da- bei. Zuerst jedoch hatte er beschlossen für kurze Zeit nach Lima zurückzugehen. „Es wird komisch sein, wieder nach Hause zu gehen und ich bin sicher, dass es hart sein wird zurückzukommen,“ sagte er. „Aber ich weiß, dies ist der Ort an dem ich sein muss.“

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