Wenn sie mich mit Obst bewerfen, duck‘ ich mich halt

Wie ist es in einem Land zu leben, in dem Meinungsfreiheit nichts als ein fremder Mythos aus dem Abendland ist? Wenn das Leben von Frauen nichts wert ist und man die weiblichen Mitbürger behandelt wie man will? Was für uns unmöglich klingt, ist für Frauen in Afghanistan Alltag. Doch es gibt auch solche, die dagegen kämpfen wollen.

Sahar

Mit ihrer Kamera ausgestattet erzählt sie die Geschichten vieler unterdrückter Frauen. (Screenshot © ARD Mediathek)

Sahar ist eine Journalistin in Afghanistan. Dass sie studiert ist nicht das einzige, was die meisten ihrer Familienmitglieder, Nachbarn und eigentlich alle Mitbürger erzürnt, sondern auch die Tatsache, dass die junge Frau sagt und tut, was sie möchte. Die Kopftuchpflicht nimmt die Studentin auch nicht wirklich ernst, ein schwarzes Tuch leicht über die kurzen Haare gelegt, das war’s. Auch dass Sahar sich auf ihrem Fahrrad fortbewegt macht andere Afghanen wütend und es kann schon mal passieren, dass sie dabei mit Steinen und Obst beworfen wird. „Wenn sie mich mit Obst bewerfen, dann duck‘ ich mich halt“, so locker nimmt Sahar die Demütigung, die sie fast jeden Tag erlebt und die für uns so schrecklich wäre, dass wir diese Menschen ohne mit der Wimper zu zucken anzeigen würden.

Doch das kann Sahar nicht, denn sie lebt in Afghanistan. Einem Land, in dem Männer und strenge religiöse Traditionen Mädchen und Frauen zu lebenden Geistern machen. Doch Sahar gehört zu den wenigen Frauen, die sich nichts gefallen lassen. Mutig zeigt sie in der Sendung „Weltspiegel“ der ARD, was sie erlebt, wenn sie nur auf ein Taxi wartet. Mit ihrem Handy ausgestattet filmt sie heimlich ihren Weg zur Uni oder nach Hause. Was dabei alles schon vorgekommen ist, können die meisten sich gar nicht vorstellen.

„Einmal saß ich in einem Taxi und ich sah im Rückspiegel, dass der Fahrer mit einer Hand das Lenkrad hielt während er mit der anderen masturbierte. Das war schon ziemlich erschreckend. Ich wollte einfach nur raus“, erzählt Sahar und auch während der Sendung hört bei der Fahrt mit dem Kamerateam der Taxifahrer nicht auf die junge Frau anzustarren. „Komm steig ein. Willst du nicht ein bisschen Spaß?“, rufen Männer aus ihren Wagen, wenn sie an Sahar vorbeifahren. Das sind schon die freundlichsten Aufforderungen. Die Männer können auch anderes.

Frauen in Afghanistan

Heimlich und mutig filmt die 19-jährige andere Frauen, die jeden Tag von ihren Ehemännern unterdrückt werden (Screenshot: © ARD Mediathek)

Viele Frauen können nicht einmal am Straßenrand stehen, ohne angemacht zu werden. Das ist verstörend. Sahar ist erst 19 Jahre alt, Kabul ist ihre Heimatstadt und Afghanistan das Land, das sie ändern will und zwar mit allen Mitteln, die sie hat. Oft trifft sie sich dafür mit anderen Frauen, die dasselbe tun wollen. Bei diesen Treffen wollen sie das ausdrücken, was sie bewegt. Mit Gedichten, Geschichten oder auch Videobotschaften versuchen die jungen Frauen die Ignoranz der anderen zu zerstampfen um wie jeder andere auch in Freiheit leben zu können. Dafür erhalten Sahar und ihre Schwestern auch von den Eltern Unterstützung – etwas, was nur wenige erwarten können.

Ihre Mutter macht in einem Interview deutlich, dass ihre Töchter nicht so leben sollen wie sie. Sie sollen sich nicht unterdrücken lassen, eigenen Berufen nachgehen und das tun, wonach ihnen der Sinn steht. Das heißt aber nicht, dass alle Familienmitglieder genau dieser Ansicht sind. Viele von ihnen können nicht glauben, dass die Mädchen so „westlich“ erzogen werden, es sei sogar eine Schande, dass sie so viele Freiheiten hätten. Die Frauen seien da um sich um Mann und Kind zu sorgen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber vor allem nicht mehr.

Sahar möchte nicht nur mit ihrem Auftreten andere davon überzeugen, dass man auch anders leben kann, sie zeigt es ebenfalls in ihrer Arbeit als Journalistin. „Wir haben es satt zu schweigen. Die Generation meiner Mutter hat geschwiegen, deswegen haben wir heute die Probleme“, sagt Sahar. Ihre Pflicht sei es, so erklärt sie weiter, auch anderen von dem Leid der Frauen in Afghanistan zu berichten. So macht sie sich mit ihrer Kamera auf die Schicksale anderer Frauen aufzunehmen und darüber zu berichten. „Etwas zu verändern ist schwer, aber es ist nicht unmöglich.“

Sahar hat das Zeug eine Revolution anzuzetteln in ihrem Land und wenn es auch nur in ihrer Stadt ist, so beweist sie Mut und tut das, was andere sich nicht trauen: das Schweigen zu brechen.

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