Zero Size, zero … brain?

Jeder von uns kennt sie, die einfachen Tipps und Tricks, wie man es zur „Traumfigur“ schafft. Adonis-Körper mit weniger als acht Gramm Fett erstrecken sich auf unzählige Frauen- und Männerzeitschriften und treiben mit ausgeklügelten, wohltuenden und niemals zu hinterfragenden Ernährungs- und Sportplänen, junge Mädchen und Frauen in den wirtschaftlichen Ruin – und das heute mehr denn je! Nicht, dass etwas gegen das Treiben von Sport und einer gesunden, ausgewogenen Ernährung zu sagen wäre, doch muss das wirklich so exzessiv und  in das Veröffentlichen von Bildern enden, auf denen man halbnackt auf sozialen Plattformen wie Facebook anderen unbedingt zeigen muss, wie viele Fortschritte man gemacht hat?

Eins dieser Diät- und Fitness-Beispiele, auf das ich mich beziehe (vielleicht auch auseinander nehmen möchte) und auch selbst ausprobiert habe ist das 10 Wochen-Programm „Size Zero“. In der kurzen Zeit versprechen die Macher hervorragende Ergebnisse und schaut man sich die Vorher-Nachher-Fotos an, die auf der Internetseite kursieren, dann darf man dem auch glauben schenken. Für 300 Euro erhält man bei der Anmeldung Tranings- und Ernährungspläne, die gut durchdacht sind, aber vielmehr den Geldbeutel statt die Taille schrumpfen lassen. Und nicht nur das, auch die Mengen an Lebensmitteln und Protein-Shakes, die man kaufen und täglich zu sich nehmen müssen sind so abartig hoch, dass einem schon beim Schreiben der Einkaufsliste der Appetit vergehen kann. Ach ja, Sport machen nicht vergessen (mit einem vollen Magen trainiert es sich bekanntlich besser). Und wie man das Ganze aushält? Ganz einfach, man macht sich einen gigantisch großen Kalender, hängt ihn sich an die Zimmertür und hackt sehnsüchtig die Tage ab, bis man wieder fressen darf wie ein Schwein. Kein Witz! Am Ende des Programms kauft man sich noch mal für an die 100- 120 Euro alles, was man will und verzerrt jeden einzelnen Krümmel an einem Tag, bis man einen sogenannten „Cheat-Day-Bauch“ bekommt. Dann noch ein paar Bilder davon ins Netz stellen – und voilá schon ist das Programm abgeschlossen.

Der Trick dabei ist ja eigentlich, dass man seine individuelle Dosis „Size Zero“ findet, denn sonst könnte es passieren, dass man auch noch zunimmt statt abzunehmen. So viel Kohle ausgeben und dann mehr essen und schwerer werden als vorher? Da stimmt doch was nicht! Ja, ja, schon klar, wenn man Muskeln aufbaut wiegt man auch mehr, dazu muss man kein Fitness-Experte sein, doch es könnte auch durchaus so sein, dass manche am Ende trotz aller Muskeln nicht mehr die Kraft (und das Geld!) aufwenden können der Diät gerecht zu werden.

Die Idee hinter dem Programm ist ja überhaupt nicht schlecht, im Gegenteil, abgesehen von den Kosten, die man für das perfekte Aussehen bereit sein muss auszugeben, haben die Macher doch nur gute Absichten. So jedenfalls empfindet man das am Anfang. Was einen jedoch erstaunen sollte, ist die Auswirkung hinter der ganzen „Ich-muss-unbedingt-wie-eine-Bodybuildnerin-aussehen“-Einstellung, die dieses und auch etliche andere Muskelaufbau-Programme in den jungen Frauen weckt.

Angefangen bei den unzähligen Bildern, auf denen Mädels teilweise nur noch mit kurzen Höschen und Oberteilen oder Sport-BHs zu sehen sind bis hin zu Tipps und Tricks, wie man es umgehen kann etwas zu sich zu nehmen, kann es auch mal vorkommen, dass die Fitness-Enthusiastinnen anfangen darüber zu philosophieren, ob sie Zitrone oder Salz zu ihren ohne hin schon auf die minimalste Anzahl an Fett und Kohlenhydraten portionierten Mahlzeiten hinzufügen dürfen. Daran mag das Programm nicht komplett schuld sein, doch fördert er das schon sehr verzerrte Bild junger Frauen, die es nicht ab können sie selbst zu sein.

Auch unsere heutigen Medien sind daran schuld: Mittlerweile kann man ja gar nicht mehr eine Zeitschrift lesen oder im Internet surfen, ohne dass einem irgendwann ein Artikel entgegen springt, der beschreibt, wie man die beste Figur erhält. Schaut man sich die Zeitschriften beim Kiosk um die Ecke genauer an, dann fällt auf, dass jede Frau und jedes Mädchen ganz einfach sie selbst sein soll, drei Seiten weiter man aber schon die nächsten Tipps an den Kopf geklatscht bekommt, wie man die Taille noch enger und die Beine noch dünner kriegt – paradox! Quintessenz: Im Winter können die Pfunde ruhig drauf, im Sommer zur Bikini-Saison müssen sie bitte aber auch schleunigst weg!

Was mir aber am meisten zu denken gibt, ist jedoch, dass eine wichtige Tatsache stets vergessen wird: Wer in diesem Teil der Welt geboren und aufgewachsen ist, der kann sich Size Zero oder einen anderen „Körper-Wohlfühl-Luxus“ ja auch ohne weiteres erlauben. Mit Luxus meine ich die Entscheidung treffen zu können, ob man heute 2.000 oder nur 500 kcal zu sich nehmen möchte. Man kann es sich aussuchen, ob man Kohlenhydrate, Zucker oder anderes in sich hineinstopfen oder lieber vegan durchs Leben gehen möchte. Ob man gesund sein will oder nicht. Man kann selbst entscheiden, ob man Bilder von sich für alle veröffentlicht oder nicht. Wir haben die „Qual“ der Wahl, wie man so schön sagt, doch wer auch nur eine Minute inne hält und über ein solches Statement wirklich nachdenkt, der merkt schnell, dass nicht WIR diejenigen sind, die Qualen erleiden müssen…

Keiner von uns verschwendet auch nur einen Gedanken daran, wie es wäre, wenn wir diese Entscheidungsfreiheit nicht hätten. Während wir hier im Okzident so darauf erpicht sind ja wenig oder das „richtige“ zu essen, können Menschen auf der anderen Seite der Welt von einer Handvoll Reis am Tag nur träumen. Wäre es dann nicht besser, wir akzeptieren uns, wie wir sind und danken entweder einer höheren Macht oder uns selbst dafür, dass wir ein so einfaches Leben führen können?  Ein Leben, in welchem wir uns vor der Auswahl nicht retten können und auch nicht vor der Entscheidung, was wir aus uns machen.

Doch eine Sache ist ebenfalls gewiss : Besser zero size, als zero brain oder nicht?

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